Rezension Thomas Nehlert: "Heidi Hetzer – Ungebremst leben", Autoren: Marc Bielefeld/ Heidi Hetzer, Ludwig Verlag, München, 2018,

Heidi Hetzer, wer oder was ist diese unglaubliche Frau? Eine Berliner Institution? Das ist viel zu nüchtern. Ein Berliner Urgestein? Um Gottes Willen, dafür ist sie viel zu junggeblieben. Sie gehört einfach zu Berlin so wie der Funkturm nahe der Avus. 

Für ihr gerade erschienenes Buch "Ungebremst leben" bestand nun auch ein wahrhaft beachtlicher Anlass! Mit 77 Jahren hatte sie sich mit einem deutlich älteren Auto, einem Hudson Great Eight Coach des Baujahres 1930, auf den Weg gemacht, um einmal rund um die Welt zu fahren. Am 27. Juli 2014 ging's los am Olympischen Platz in Berlin, und am 12. März 2017 war sie wieder zurück am Brandenburger Tor in Berlin. Dazwischen lagen 960 Tage und rund 85.000 km !

Ihre Erfahrungen auf dieser gigantischen Tour hat Heidi Hetzer nun verarbeitet, und der Autor Marc Bielefeld, ansonsten unter anderem auch für "National Geographic" schreibend, hat ihre Erinnerungen protokolliert und vortrefflich in Buchform gebracht. Wenn man anfängt zu lesen, legt man das Buch nicht so schnell wieder aus der Hand. Ich habe es innerhalb von zwei Tagen durchgelesen. Man kann es kaum nachvollziehen, was für eine Energie, was für eine Kraft und was für eine Begeisterung diese Frau antreiben. Ihr uraltes Auto hatte schier endlose Macken und Pannen, gab die seltsamsten Geräusche von sich, blieb immer wieder mal stehen – und wurde immer wieder repariert, fahrbar gemacht. Für Heidi war das keine seelenlose Technik, sondern ein vertrauter und fast sensibler Kamerad – ihr "Hudo" 

Von Europa gen Osten nach Asien, über China bis runter nach Singapur, mit dem Schiff nach Australien, weiter nach Neuseeland, von dort an die Westküste der USA, durch die USA und Kanada wieder bis nach Florida, weiter nach Südamerika, dann in den Süden Afrikas und schließlich über Südeuropa wieder zurück nach Deutschland und Berlin – Heidis Erlebnisse sind an Abwechslungsreichtum und Abenteuerlichkeit kaum zu überbieten. Über alle Sprachbarrieren hinweg hat sie sich mit den Menschen verständigt, freundschaftliche Kontakte geknüpft, Probleme gelöst, ist sie im örtlichen Fernsehen aufgetreten, war aufgrund ihres offenen und freundlichen Wesens stets beliebt und hat fast immer Unterstützung erfahren, wenn dies notwendig war. Was sie in erster Linie von ihrer Expedition mitnimmt und sowohl im Buch als auch bei ihrer Ankunft am Brandenburger Tor den Menschen zu vermitteln versucht hat, das ist der Aufruf, eigene Träume zu verwirklichen, auf Fremde zuzugehen, bei Schwierigkeiten nicht aufzugeben. 

Und Schwierigkeiten hat Heidi Hetzer reichlich gehabt – die Unpässlichkeiten ihres Hudo waren eigentlich ein Klacks im Verhältnis zu der schweren Erkrankung, die bei ihr in Amerika diagnostiziert wurde. Die meisten Menschen hätten das Projekt da sicher abgebrochen – nicht Heidi. Ein Monat Unterbrechung in einem Krankenhaus in Essen und dann wieder zurück nach Südamerika, und weiter ging's – zum Glück wieder gesund! Die offene Art, mit der sie auch mit dieser Lebensphase umgeht, ist mehr als nur bemerkenswert. 

Sie hat den weitaus größten Teil der Reise allein gemeistert. Die zumeist männlichen Begleiter blieben irgendwie über kurz oder lang auf der Strecke neben dieser Powerfrau. Am besten stellte sich wohl noch der in China staatlicherseits beigeordnete Mister Wang an.Der ausführliche Reisebericht ist nie langatmig, nie selbstgefällig, häufig voller schmunzelnder Selbstironie. Er wird an drei Stellen auch noch aufgelockert. Einmal schildert Heidi Hetzer ihren Lebensweg, ihre Kindheit und Jugend, ihre riesige Begeisterung für Motorräder und Autos. Der Leser erfährt von dem väterlichen Automobilgeschäft, das sie übernommen und als bedeutende Opel-Händlerin erfolgreich fortgeführt hat, bis die Umstände um Opel und General Motors sie dazu brachten, das Geschäft an einen anderen Unternehmer weiterzugeben. Außerdem gibt sie einen Überblick ihrer motorsportlichen Laufbahn – von den Avusrennen bis zu den zahlreichen Fernfahrten und Rallyes in Europa, Asien und Amerika. Ich selbst kann mich noch bestens erinnern, wie sie mit einem mächtigen Opel Diplomat V8 Coupé durch die Nordkurve der Avus donnerte - mit spektakulärem Funkenflug, weil der ziemlich weich abgestimmte Wagen in der holprigen Steilkurve immer wieder aufsetzte. 

Nicht minder interessant ist der Bericht über einen etwa einjährigen Aufenthalt in den USA 1961 im Rahmen eines Händleraustauschs. Da gewährt sie auch noch einen Blick in ihr Privatleben und vermittelt voller Begeisterung das zur damaligen Zeit ungewöhnliche Erlebnis einer Durchquerung der USA in einem VW Käfer. In diesem Zusammenhang findet sich im Text ein kleiner sachlicher Fehler: denn ein Freund in Kalifornien konnte sie 1961 kaum mit einem Porsche 911, sondern „nur“ mit einem 356 (wie auch im abgedruckten Foto dokumentiert) in Empfang genommen haben. 

Heidi Hetzer ist wieder zu Hause – aber bestimmt nicht allzu lange. Denn sie plant noch eine Afrika-Durchquerung, mitten durch die Wüste, diesmal aber mit einem etwas moderneren und vierradgetriebenen Auto. Und von der Afrika-Tour wollen wir wieder einen so tollen Bericht wie von der Weltreise.


Heidi Hetzer – Ungebremst leben 
Autor: Marc Bielefeld, Heidi Hetzer 
Verlag: Ludwig Verlag, München, 2018
Format, Umfang, Preis: Hardcover, 13,5 x 20,5 cm, 368 Textseiten plus 40 Bildseiten mit über 70 Abbildungen Text: Deutsch Preis: € 20,-
 ISBN: 978-3-453-28113-4 
Vertrieb: überall im Buchhandel

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