Es gibt inzwischen deutlich über 1000 Buchtitel zum Thema Porsche, und ein Ende ist nicht in
Sicht. Mit dieser vollständig überarbeiteten und im Umfang fast verdoppelten Neuauflage des
Werks von Karl Ludvigsen wird ein neuer Maßstab in der Literatur über Deutschlands feinsten
Auto-Hersteller gesetzt. Allein die Daten des vierbändigen Opus sind gewaltig: 11 kg, 2836
Seiten, 2912 Abbildungen – mehr Porsche geht nicht.
Zur Verdeutlichung der Bedeutung dieses Werks soll zunächst kurz auf seine Historie
eingegangen werden. Im Jahr 1977 vermeldete „auto motor und sport“, dass im Verlag des
noblen Motor-Magazins „Automobile Quarterly“ die Erstausgabe von „Porsche: Excellence Was
Expected“ erschienen sei, ein Porsche-Buch, das mit 890 Seiten, reicher Illustration und
beispielhafter Recherche durch Karl Ludvigsen nur zu empfehlen sei. 1980 brachte der Bleicher
Verlag München die deutsche Ausgabe heraus, die genauso schnell verkauft war wie das
englischsprachige Original. Es verging eine lange Zeit bis zur zweiten Auflage, die dreibändig
2003 von Bentley Publishers in Massachusetts verlegt wurde, nur vier Jahre später folgte eine
überarbeitete dritte Auflage im gleichen Format mit 1532 Seiten. Der Heel-Verlag plante eine
vierbändige deutsche Ausgabe, kam aber leider nicht über den dritten Band hinaus, so dass das
deutsche Werk mit 1376 Seiten unvollständig blieb.
Jetzt, im Sommer 2019, also die ultimative vierte Auflage des Buchs von Karl Ludvigsen; und Karl
Ludvigsen betont im Vorwort, dass dies die letzte Überarbeitung sein werde. Aus einst 32 Kapiteln
sind nun 132 Kapitel geworden, in denen tatsächlich keine Frage zur Marken-, Modell- und
Rennsportgeschichte von Porsche unbeantwortet bleibt.
Jeder der vier Bände beginnt mit dem Vorwort, dem eine Modell-Übersicht des betreffenden
Zeitraums und das jeweilige Inhaltsverzeichnis folgen. Die Inhaltsverzeichnisse sind sehr
ausführlich und erleichtern dem Leser das Auffinden des ihn gerade interessierenden Themas.
Aus diesem Grunde ist es auch nachzusehen, dass im Gegensatz zu den Vorauflagen ein
Gesamtindex am Ende der Bände fehlt, der wahrscheinlich den Umfang der vier Bände gesprengt
hätte. Am Ende jedes Bandes befinden sich eine sehr attraktiv gestaltete Zeitlinie der
bedeutendsten Modelle dieser Epoche, eine auf die wesentlichen Siege beschränkte Rennstatistik
sowie eine den Porsche-Enthusiasten mit Sicherheit interessierende Bibliografie. Eine Danksagung
an die an dem Werk beteiligten Helfenden und ein Porträt des Autors schließen jeden Band ab.
Karl Ludvigsen geht chronologisch vor, wobei sich die dokumentierten Zeiträume in den vier
Büchern um bis zu sieben Jahre überlappen, was seinen Grund in den unterschiedlichen Zyklen
der diversen Porsche-Modelle und den Rennsport-Aktivitäten in zahlreichen Motorsport-Gebieten
findet.
Der erste Band umfasst die Lebensgeschichte von Ferdinand Porsche, die Verzweigungen in den
Familien Porsche und Piech sowie die vollständige Modell-Historie des 356. Ausführlichen Raum
nehmen die Entwicklung des legendären Viernockenwellen-Motors sowie die Rennsportaktivitäten
vom 356 bis zum 550 und 718 ein. Die eher vorübergehenden Einsätze Porsches in der Formel 2
und der Formel 1 anfangs der 1960er Jahre erfahren eine angemessene Würdigung. Als
Bindeglied zwischen dem 356 und der Entwicklung des 911 schiebt Ludvigsen eine bisher fast
unentdeckte Geschichte über die Planung eines „großen Porsche“ unter dem Kapiteltitel „Rise
and Fall of the Big Porsche“ ein. Hier dürften selbst profunde Kenner der Porsche-Geschichte ins
Staunen kommen. Gleiches gilt für die Beschreibung mehrerer Fremdaufträge für Porsche, die der
Autor bis in den militärischen Bereich sehr detailliert aufgeklärt hat. Selbstverständlich nehmen
die Entstehung und Entwicklung des 911 weiten Raum ein, ebenso wie die Konstruktion und
Renngeschichte der Typen 904, 906, 910, 907 und 908.
Im zweiten Buch wird die Entwicklung des 911 bis zum G-Modell unter ausführlicher
Berücksichtigung des Turbo fortgeführt. Die parallele Entstehung der Transaxle-Baureihe mit 924
und 928 erhält ebenso breiten Raum wie der 914 in seinen verschiedenen Varianten am Anfang
des Bandes. Weit gefächert ist die Dokumentation des Porsche Motorsports: 917 bis zum 917/30,
934/935/936 und der faszinierende Einstieg in die Gruppe C mit dem 956 und später 962 stehen
für die ausnahmslos erfolgreichen Aktivitäten Porsches bei den Sportwagenrennen. Aber auch das
erste Indy-Projekt wird von Ludvigsen in allen Facetten beleuchtet.
Der dritte Band spiegelt die zunehmende Modellvielfalt bei Porsche wider. Da findet der Leser die
Ausweitung der Transaxle-Modelle und ihr recht schnelles Ende, den grandiosen
Technologieträger 959 sowie den für die 1990er Jahre neuen 911 namens 964 samt des nie in
Serie gegangenen 965. Das Projekt des TAG-Formel-1-Motors für McLaren, die Einsätze bei der
Dakar-Rallye, der mäßig erfolgreiche Einstieg in die amerikanische CART Series sowie das
gründlich schief gegangene Formel-1-Engagement bei Footwork-Arrows zeigen das fast zu weite
Betätigungsfeld Porsches im Motorsport dieser Zeit. Sportlich und noch mehr wirtschaftlich war
Porsche in eine Krise geraten, aus der der neue Chef Wendelin Wiedeking und die von ihm
eingeleiteten Maßnahmen herausführten. Nach dem gelungenen Übergangsmodell 993 brachte
eine neue Modellpalette mit der Abkehr von der Luftkühlung Porsche wieder in die Gewinnzone –
Boxster, 996 und schließlich der Cayenne als SUV führten zu einer gewaltigen Steigerung der
Produktionszahlen. Ludvigsen beschreibt diese für das Stuttgarter Unternehmen nicht einfache
Zeit genau und mit viel Hintergrundwissen. Mehr als nur eine Erwähnung finden das Projekt des
viertürigen Porsche und die Renneinsätze der 993-Varianten, der drei 911 GT1-Baustufen und des
WSC-Prototypen. Dabei wird auch auf das lange geheim gehaltene Denkmodell eines Le-MansEinsatzes 2000 mit dem Typ 980 LM eingegangen.
Der abschließende vierte Teil führt die Geschichte Porsches bis in die Gegenwart zum Modelljahr
2020. Hoch interessant ist da eine lange Analyse des Geschehens im Zusammenhang mit der
Übernahme Porsches durch den VW-Konzern und der Auseinandersetzung zwischen Wendelin
Wiedeking und Wolfgang Porsche auf der einen und Ferdinand Piech auf der anderen Seite. Die
Entwicklung des 911 wird über die Baureihen 997 und 991 bis zum 992 beschrieben wie auch der
Ausbau der Palette mit allen Varianten und Modellstufen von Boxster, Cayman, Macan, Cayenne
und Panamera. Die Schwerpunkte im Motorsport werden durch den RS Spyder, die unzähligen GTVarianten des 911 und natürlich den grandiosen 919 Hybrid mit seinen drei Siegen in Le Mans
gesetzt. Die Hinwendung zur Elektro-Mobilität findet ihren Niederschlag aber nicht nur in der
Darstellung der neueren Rennfahrzeuge von Porsche, sondern auch in sehr detaillierten Berichten
über den 918 und vor allem über den brandaktuellen Taycan, der bis kurz vor die jüngst erfolgte
Modellvorstellung begleitet wird.
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Foto: Thomas Nehlert |
Was macht nun dieses vierbändige Werk so besonders? Da ist zunächst einmal der bereits
erwähnte schiere Umfang. Eine vergleichbar lückenlose und fundierte Porsche-Geschichte in
Buchform gibt es nicht. Noch entscheidender aber ist die überragende Fachkompetenz des
Autors, der schon zahlreiche Bücher über Porsche publiziert hat, insbesondere auch über die
Entwicklungen Ferdinand Porsches vor seiner Zeit als Unternehmer. Ludvigsen hat in einem Maße
bis in die Tiefe recherchiert, wie es selbst bei Fachbüchern nicht die Regel ist. Die Dokumentation
erfolgt chronologisch, steht dabei aber auf drei Säulen: die Straßensportwagen und
Serienfahrzeuge, die Rennwagen und ihre Entwicklung und Rennhistorie, die unternehmerische
und wirtschaftliche Entwicklung des Unternehmens mit allen Höhen und auch Tiefen. Es werden
die familiären Divergenzen genauso aufgezeigt, wie der Weg aus der existenzbedrohenden Krise
Anfang der 1990er Jahre und der wechselseitige Übernahmekampf zwischen Porsche und VW, der
schließlich zur Eingliederung Porsches in den VW-Konzern führte. Auch die unmittelbare
Verbindung zwischen Serienautomobilen und den Wettbewerbsfahrzeugen arbeitet der Autor
bestens heraus.
Kaum jemand wird die über 2800 Seiten hintereinander weglesen; aber jeder findet zu jedem
Porsche-Themenkreis die vollständige und vertiefte Sachdarstellung. Ludvigsen formuliert klar
und macht auch technisch komplizierte Beschreibungen verständlich und nachvollziehbar. Das
liest sich – vorausgesetzt man ist der englischen Sprache kundig – flüssig und abwechslungsreich.
Eine Bereicherung ist auch, dass der Autor zahlreiche Quellen zitiert. Seien es Äußerungen von
Ingenieuren, Rennfahrern und Teammanager, seien es Auszüge aus unterschiedlichen
Publikationen wie Zeitschriften aus den USA, England und Deutschland, in denen unterschiedliche
Testwerte und Messdaten gegenübergestellt werden.
Mit über 2900 Abbildungen ist die Illustration der vier Bände mehr als reichhaltig. Die Fotos
stammen überwiegend aus dem gewaltigen Archiv des Autors (Ludvigsen Library) und dem
Historischen Archiv von Porsche. Mit der Auswahl der Motive wird das gesamte Spektrum der
Thematik abgedeckt – technische Details, Fahrzeugaufnahmen, Rennfotografien, Porträts aller
wesentlichen Beteiligten von der Porsche-Familie über Manager, Ingenieure, Rennfahrer und
Rennleiter. Die Aufnahmen und technischen Zeichnungen sind zum Teil auch in größerem Format
gehalten, die Wiedergabequalität auf gutem Papier ist in keiner Weise zu beanstanden. Aber eines
ist klar: das ist kein Bildband. Die vielfältige und ansprechende Illustration ist eine wesentliche
Ergänzung des überragenden Texts. Man kann diese Bände nicht einmal schnell durchblättern und
sich auf die Betrachtung der zweifellos interessanten und reizvollen Fotos beschränken; man
muss sich Zeit nehmen und wirklich in die Materie eindringen, will man den Wert dieses Werks
erfassen.
Gibt es keine Kritik? Doch, die gibt es – nicht an den Autor gerichtet, sondern an den Verlag. Die
drei Bände der Vorauflage waren in Leinen gebunden, mit einer Fadenbindung versehen und
durch einen Schutzumschlag und einen Leinenschuber geschützt. Die aktuellen vier Bände haben
eine – wenn auch sehr solide – Klebebindung und jeweils ein Hardcover aus verstärkter Pappe.
Wenn man sich mit einem inhaltlich so großartigen Werk in der 500-Dollar-Liga auf den Markt
begibt, sollte es nicht auf ein paar Dollar mehr ankommen, um dieses Werk in einem qualitativ
angemessenen Leineneinband und mit Fadenbindung zu präsentieren.
Vielleicht bietet sich auch noch als fünfter Band ein ergänzendes „Data Book“ an, in dem die
Daten aller Porsche-Fahrzeuge in tabellarischer Übersicht erfasst werden. Wenn auch Karl
Ludvigsen in seinem Text und in den Modell-Zeitlinien sämtliche wesentlichen technischen Daten
liefert, so wäre eine Zusammenfassung in Datenblöcken sicherlich interessant. Und dann hätte
man vielleicht auch wieder Raum für einen – wie in der Vorauflage vorhanden – umfangreichen
Gesamtindex, der bei einem so umfangreichen Werk sehr hilfreich wäre.
Aber dies ändert nicht daran, dass es sich bei „Porsche: Excellence Was Expected“ um ein
einzigartiges und in hohem Maße empfehlenswertes Werk handelt.
Wer sich einen eigenen Eindruck von Karl Ludvigsen und seinem gründlichen Umgang mit
technischen Themen machen will, dem sei u. a. sein rund 100minütiger Vortrag über Reid Railton
vor den „Brooklands Trust Members“ aus dem Jahr 2018 (abrufbar auf YouTube) empfohlen, den er
aus Anlass der Vorstellung seines zweibändigen Werks über diesen großen Konstrukteur gehalten
hat. In diesem Zusammenhang sei auch darauf hingewiesen, dass Ludvigsen nicht nur rund 100
Automobilbücher und unendlich viele technische Berichte verfasst hat, sondern auch viele Jahre
in der Automobilindustrie bei Fiat, Ford und General Motors in leitender Funktion tätig war.
Thomas Nehlert
Porsche: Excellence Was Expected
Autor: Karl Ludvigsen
Verlag: Bentley Publishers, USA, 2019
Format,
Umfang: 4 Bände, Hardcover, 23,5 x 27,5 cm, 2836 Seiten, 2912 Abbildungen
Text: Englisch
Preis: $ 524,95 plus Versandkosten
ISBN: 978-0-8376-1769-5
Vertrieb: http://www.bentleypublishers.com/ oder andere Internetportale