Wenn es ein Automobil gibt, dass zu diesem Blog "Buch, Kultur und Lifestyle" passt, dann
ist es der Porsche 911. In seiner nun mehr als fünfzigjährigen Existenz hat sich dieser
Sportwagen tatsächlich zu einem Kulturgut entwickelt. Sein formales und technisches
Konzept scheint unsterblich zu sein. Kein anderes Auto hat eine derart stringente und
kontinuierliche Entwicklung erlebt und ist dabei sich selbst so treu geblieben wie der Elfer.
Gewiss haben zum Beispiel BMW 3er und Mercedes E-Klasse ebenfalls eine
beeindruckende Modellhistorie aufzuweisen, und den traumhaften Ferrari 488 GTB kann
man mit etwas Großzügigkeit auch als vorläufigen Höhepunkt der dem Dino der 1960er
Jahre entspringenden Baureihe ansehen. Aber all diese Produkte haben im Laufe der Zeit
Stilbrüche und Charakterverschiebungen erlebt – der Porsche 911 war, ist und bleibt
immer ein Elfer. Er ist wohl das einzige Auto, das in seiner Fortentwicklung seine eigenen
Entwicklungsingenieure, seine Kunden und seine Fans überleben wird. Wer einen Audi,
BMW oder Mercedes steuert, wer einen VW, Opel oder Ford fährt, der wird bei all diesen
zweifellos guten Autos bemerkenswerte Unterschiede wahrnehmen, aber eben auch
feststellen, dass sie sich in vielen Eigenschaften auch sehr ähneln. Beim Porsche 911 ist
das anders, dieser Sportwagen sieht nicht nur anders aus, er fährt auch anders, er verhält
sich anders – er ist schlicht einzigartig.
Es ist kein Wunder, dass es über eine automobile Ikone wie den 911 unzählige Bücher
gibt, nämlich rund 200 Titel. Dabei ist es ein fast aussichtsloses Unterfangen, das
umfassende und alle Varianten, Entwicklungen, technische Daten und Motorsporteinsätze
berücksichtigende Werk zu erstellen. Denn spätestens ein Jahr nach Erscheinen ist so ein
Buch überholt, weil nämlich Porsche die Fortentwicklung des 911 und die
Baureihenerweiterung in einem solchen Tempo betreibt, dass die Literatur damit nicht
Schritt halten kann. Selbst solche „911-Bibeln“ wie die Bücher von Paul Frère/Tony Dron,
Tobias Aichele oder Jörg Austen haben ihr „Verfallsdatum“ ganz schnell überschritten.
Wenn ein Autor noch einen Band über den 911 verfassen will, dann muss er sich einer
anderen Herangehensweise bedienen. Ein derartiges „anderes“ Porsche-911-Buch ist die
vorliegende Publikation von Ulf Poschardt.
Ulf Poschardt ist seit 2016 Chefredakteur der „Welt“. Er ist ein Vollblutjournalist, der in erster Linie über politische und gesellschaftspolitische Themen schreibt, interessant und –
journalistisch selbstverständlich – zuweilen auch polarisierend. Poschardt ist auch Urheber
des Autoblogs „PS Welt“. Und er ist bekennender Porsche-Fan und Porsche-Fahrer, er
liebt den 911. So war es nur konsequent, dass er zum 50. Geburtstag der Stuttgarter
Sportwagenlegende 2013 ein Buch über den Elfer schrieb. Das war ein schlicht
gestalteter, von den Abmessungen her kleiner Band mit dem Titel "911". Kein Buch voller
technischer Daten, keine detaillierte Typologie – vielmehr ein an der
Entwicklungsgeschichte ausgerichtetes Bekenntnis zu Deutschlands bemerkenswertestem
Automobil. 2017 gibt es die englische Ausgabe dieses Buchs. Das ist aber viel mehr als
nur ein in eine andere Sprache übertragenes Druckwerk, es ist ein in Layout und
Gestaltung vollständig neues Buch. Entsprach die deutsche Ausgabe in ihrer reduzierten
Form eher dem Ur-Elfer von 1963 bis 1972, so ist das vom Berliner Verlag "Die Gestalten" herausgegebene englische Pendant formal eher ein Elfer der Baureihe 993, auf Chic und
Kraft bedacht, aber doch nicht so raumgreifend wie die aktuelle Serie des 991.
Nach zwei Abschnitten, die sich mit dem Lebenswerk Ferdinand Porsches und der
Unternehmensgeschichte bis zum 356 befassen, folgen sieben Kapitel zum 911 – für jede
Modellgeneration eines. Vom Urelfer über das G-Modell, den 964 und den 993 bis zu den
wassergekühlten 996, 997 und 991, wobei hervorzuheben ist, dass sogar schon die
Baureihe 991-2 berücksichtigt wird. Der Autor berichtet in zwei Strängen: da ist zunächst
einmal die Darstellung der unterschiedlichen 911-Modelle mit interessanten Überlegungen
zur jeweiligen Entwicklung, da ist aber zusätzlich auch ein Eintauchen in die Welt der
Porsche-Fahrer in ihrer ganzen Vielschichtigkeit. Gerade insoweit ist der Band viel mehr
als ein Autobuch, er wird zu einem – wenn auch begrenzten – Spiegelbild der Gesellschaft
mit all ihren Wünschen, Schwächen und Eitelkeiten über einen Zeitraum von mehr als 50
Jahren. Wer ist nicht alles der Faszination des Elfers verfallen – Herbert von Karajan, Udo
Lindenberg, Reinhard Mey, Justus Franz, Jerry Seinfeld, Magnus Walker, Steve McQueen,
Iris Berben, aber auch Boris Johnson oder gar Andreas Baader. Bei einigen ging die Liebe
zum Elfer so weit, dass sie gleich zu Markenbotschaftern von Porsche wurden wie Richy
Müller, oder gar an der Entwicklung des 911 maßgeblich mitwirkten wie Walter Röhrl. Und
so lange wie der 911 inzwischen gebaut wird, ist er inzwischen auch Bestandteil ganzer
Familiengeschichten, wenn sich die Begeisterung der Väter auf die Söhne und auch
Töchter übertrug. Deshalb ist es auch keine Übertreibung, wenn der Autor als Untertitel
des Buchs die Bezeichnung "The Ultimate Sportscar as Cultural Icon" gewählt hat.
So lesen sich nicht nur die teilweise essayistischen Texte spannend, informativ,
unterhaltsam und abwechslungsreich, es begeistert zusätzlich die Illustration des Buchs.
Mit rund 135 Fotografien ist sie von der Quantität her maßvoll, umso prachtvoller ist die
Qualität. Das Spektrum der Abbildungen reicht von Reproduktionen aus Prospekten über
Sequenzen aus dem Porsche-Motorsport und die Darstellung einiger prominenter
Porsche-Kunden mit ihren Fahrzeugen bis zu hervorragenden Aufnahmen der Silhouetten
der verschiedenen Entwicklungsstufen. Insbesondere diese Bilder ermöglichen einen
interessanten Vergleich des Porsche-Designs in den jeweiligen Epochen. Für mich ganz
persönlich – wie übrigens offenbar auch für Ulf Poschardt – gibt es keinen schöneren Elfer
als die letzte Baureihe des so genannten G-Modells: Porsche 911 Carrera 3.2 Coupé – der "goldene Schnitt" des Porsche schlechthin.
Das Layout des Buchs ist überaus gelungen, die Verarbeitung und die ungewöhnliche und
angenehme Haptik überzeugen genauso wie Druck und Bildreproduktion auf wertvollem
Papier. Sicherlich kein Buch für den reinen Technik- und Statistik-Liebhaber, aber ein
Buch, das die Idee und den Geist des Porsche 911 wahrhaft erfasst und schon deshalb
selbst bei den alteingesessenen so genannten "gusseisernen" Porsche-Fans Gefallen
finden sollte.
Übrigens ist neben dieser repräsentativen englischen auch die schlichter gestaltete
deutsche Ausgabe weiterhin erhältlich.
Porsche 911 – The Ultimate Sportscar as Cultural Icon
Autor: Ulf Poschardt
Verlag: Die Gestalten Verlag GmbH, Berlin, 2017
Format: Hardcover, 21,5 x 26,5 cm
Umfang: 240 Seiten, 137 Abbildungen
Text: Englisch
Preis: € 35,--
Überall im Handel erhältlich
Deutsche Ausgabe im Klett-Cotta-Verlag, 2013,
296 Seiten, 12 x 20 cm, Preis € 22,95
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